Meine Geschichte beginnt am Bahnhof in Nürnberg. Sicherlich nicht der aufregendste Ort, vor allem nicht an einem wolkverhangenen, düsteren Frühlingstag, der wohl noch den vergangenen Winter herbeisehnt. Es war aber nun einmal dieser Ort und diese Zeit, als er nicht nur aus dem anfahrenden Zug, sondern aus meinem Leben verschwand.
Ich hatte natürlich wieder einmal nichts gemerkt, bis ich ihn durchs Fenster auf dem Bahnsteig stehen und mir zuwinken sah. Bei jemand anderem hätte man vielleicht an einen Zufall gedacht. Oder ein Missgeschick, dass er schnell auf den Bahnsteig gegangen war, um etwas zu trinken zu kaufen und nicht schnell genug zurück in den Zug gelangt war. Aber so etwas wäre ihm nicht passiert. Und obwohl er es liebte, mich mit unerwarteten Situationen zu konfrontieren ließ die Situation nur eine Schlussfolgerung zu: Dass hier und jetzt Schluss sein sollte und ich auf eigenen Beinen stehen müsse.
„Aber... Was soll ich denn jetzt tun?“ fragte ich durch den kleinen Spalt, zu dem sich das Fenster öffnen ließ.
„Ach, du kommst schon alleine klar. Ich habe dir so viel beigebracht!“
Der Zug bewegte sich zu diesem Zeitpunkt noch recht gemächlich, kaum mehr als Schrittgeschwindigkeit und wäre die Situation umgekehrt hätte er mit Sicherheit ohne zu zögern die Scheibe eingeschlagen und wäre auf den Bahnsteig gesprungen. Ja, das wäre mal wieder absolut typisch für ihn gewesen. Dann hätte er mir auf die Schulter geklopft mit seinem typischen, dünnen Lächeln und so etwas gesagt wie: „Was machst du denn wieder für einen Scheiß?“.
Nicht gesagt hätte er: „Du weißt doch, dass du nicht weg kannst, ich finde dich sowieso.“
Aber das wäre auch unausgesprochen klar gewesen in dem Moment. Statt dessen hätte er mir ein Eis gekauft und dann wären wir in den Zug wo ganz anders hin gestiegen.
Nun aber war er es, der den Zug verlassen hatte und das Szenario mit der zerschlagenen Scheibe fiel mir erst viel zu spät ein - oder vielleicht traute ich mich bloß nicht. Ich jedenfalls konnte mich nur fassungslos wieder hinsetzen und erst einmal gar nichts denken.
Später fand ich heraus, dass dieser Bahnhof eine Tradition solcher unerwarteten Trennungen hat. Das war natürlich auch mal wieder typisch für ihn - nicht nur Heute zu sehen, sondern auch den historischen Hintergrund. Obwohl er steif und fest behauptet hätte, dass das ganze nur Zufall sei: „Ja, du hast doch selbst gesagt, dass du mich loswerden willst. Erst 10 Minuten vorher!“
Das hatte ich tatsächlich, aber bevor ich dazu komme, sind vielleicht ein paar Erklärungen angebracht. Ihr müsst ja schon total verwirrt sein, von wem ich da die ganze Zeit spreche. Und ich habe mich noch nicht einmal selber vorgestellt. Also gut, ich... nun, meine Mutter hat mich wohl Agnes genannt. Aber unter all den Namen, die ich in den letzten 10 Jahren benutzt habe war dieser Name nicht (ich mag ihn auch nicht). Von mir selbst denke ich meist als Eri, nach dem Namen den ich in den ersten Jahren am längsten benutzte. Und er... er benutzte noch mehr Namen als ich, aber in Gedanken nannte ich ihn immer nur Wolf. Denn so hatte er sich mir vorgestellt, als der große, böse Wolf. Es ist schwer zu sagen, was er für mich war, was eigentlich unsere Beziehung war. Ich selbst habe die Wahrheit ja auch erst vor kurzem heraus gefunden. Ich kann euch nur meine Geschichte erzählen und hoffen, dass ihr vielleicht einen Eindruck davon bekommt, wenn ihr aufmerksam zuhört. Deshalb sage ich erst einmal nur ganz allgemein, er war so etwas wie mein Mentor, den ich 10 Jahre lang begleitete. Eine Zeit, in der er mir tatsächlich so einiges beigebracht hat. Ja, ich muss wohl sagen - so ziemlich alles, was ich weiß.
Jetzt bin ich 16 Jahre alt und soll also mit dem, was ich gelernt habe 'alleine klarkommen'. Na toll - da ist doch noch so viel, was ich nicht gelernt habe!
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Ruhig bleiben Eri - Panik nutzt niemanden etwas... Außerdem hat er mich tatsächlich zu einem recht talentierten Adepten unserer Kunst gemacht. Du fragst, was unsere Kunst ist..? Das ist sich ein gemütliches Nest zu schaffen, in den Falten und Nischen unserer Gesellschaft. Da wo niemand genauer hinguckt, übernehmen wir nette Rollen in der zweiten Reihe. Andere würden uns wohl Hochstapler nennen. Aber das trifft es nicht. Dort wo normale Hochstapler in ständiger Angst vor dem Misstrauen der anderen leben und eine Unwahrheit nach der anderen auf ihr Lügengebäude schichten müssen, bis es unter seinem eigenen Gewicht zusammen bricht, dort stricken wir unsere Geschichten direkt in den Köpfen der anderen. Nein, viel mehr lassen wir die anderen selbst stricken. Wir lesen in ihren Gedanken, was sie zu sehen und zu hören erwarten und dann... shiften ein wenig ihre Wahrnehmung, so dass sie genau das zu sehen und hören bekommen. So kann ich jedem Rotlichtsünder mit schlechtem Gewissen als Polizist erscheinen. Sehr elegant, im Idealfall jedenfalls. Klingt abgefahren? Für mich ist es schon fast Alltag.
Na gut, für euch ist es das nicht, also muss das für euch jetzt sehr unverständlich gewesen sein. Vielleicht fange ich besser woanders an. Ja, vielleicht ganz von vorne. Vielleicht sollte ich euch erzählen wie ich damals meine ersten Versuche anstellte - in der Kunst des Psychic Bending.
Das erste, dass ich erfolgreich den Verstand eines anderen ertastet habe, war rund 6 Wochen nach dem Beginn unserer gemeinsamen Reise, ich war gerade 7 Jahre alt geworden. Es war ein warmer sonniger Tag in Berlin, ich saß alleine auf einer Bank in irgend einem Park ? Wolf war gerade etwas zu Trinken holen gegangen und ich weiß noch genau, wie ich einen Mann beobachtete, der zusammen mit seiner Freundin ein Erdbeereis schleckte. Ich war damals geradezu verrückt nach Erdbeereis (mag es heute noch!), aber der Grund, warum diese Szene so sehr meine Aufmerksamkeit fesselte war, was Wolf scheinbar nebenbei gesagt hatte, bevor er losgegangen war.
„Sieh nur, wie er Erdbeereis in Wirklichkeit hasst und sich quält. Niedlich, oder?“
Das konnte ich als Fan von Erdbeereis nun gar nicht verstehen. Jeder liebt es doch, oder? Aber ich ahnte schon, was das sollte. Seit einiger Zeit schon hatte er in solchen Situationen seltsame Übungen mit mir gemacht. Ich sollte eine bestimmte Person - meist jemand, der irgendwo ruhig dasaß - genau betrachten, mir jedes Detail genau ansehen und ohne Unterbrechung genauestens beobachten. So lange, bis die gesamte Szene alle Bedeutung verliert. Das ist wie, wenn man ein bestimmtest Wort, sagen wir... Tannebaum, immer und immer wieder sagt: Nach einer Weile erscheint es einem irgendwie komisch. Nicht mehr wie ein Wort mit einer klaren Bedeutung, sondern wie die willkürliche Aneinanderreihung von Silben, die es ja auch ist. Bis zu diesem Punkt also beobachten und dann... noch eine Schattenbreite weiter. Natürlich verstand ich Null davon, was er eigentlich wollte. Kann wohl niemand verstehen, der es nicht selbst gemacht hat, und damals war ich kaum 7! Aber ich verstand, dass ich beobachten sollte, genau beobachten, nicht nur die Szene, sondern jedes einzelne Detail. Und Details sah ich. Seine Zunge, wenn er das Eis leckte - mit einem kleinem Pickel auf der Zungenspitze. Die Haare auf seinem Handrücken, die sich reflexartig leicht aufrichteten, wenn sein Freundin ihm im Nacken streichelte, seine Pupillen, die sich immer ein klein wenig verkleinerten, wenn seine Zunge aufs kalte Eis traf. Alles mit seinem eigenen, gleichmäßigen Rhythmus...
Ich weiß nicht, wie lange ich da saß und angestrengt beobachtete, aber an dem Tag passierte es zum ersten mal, dass ich den Zustand erreichte, an dem die Szene plötzlich verblasste. Oder, nein - das würde ja bedeuten, dass da ein Übergang war. Vielmehr war es irgendwann schon geschehen und ich konnte nicht sagen, wann es passiert war: Die Szene war plötzlich nicht mehr da. Nein, sie war noch da, ich sah die Szene noch, aber ich nahm sie nicht mehr wahr! Mit meinen Augen war noch alles in Ordnung, das Bild war noch da. Und wenn ich mich an all die Details erinnerte, die ich beobachtet hatte, konnte ich sie alle noch irgendwie wiederfinden. Aber statt einem Pärchen, einer Eistüte, einer Parkbank und einem Dönerstand im Hintergrund sah ich nur sinnlose Ansammlungen von Farbe herumschwirren. Es war wie, wenn ganz am Rand des Sichtfeld eine Actionsendung in einem Fernseher läuft und man kann die Farben und die Bewegung zwar wahrnehmen, aber hat trotzdem hat man keinen Schimmer, was da eigentlich läuft. So lange jedenfalls, bis man die Aufmerksamkeit darauf richtet. Ich aber richtete meine Aufmerksamkeit auf... ja, auf was eigentlich..? Ich war so fasziniert und eingeschüchtert von der Situation, dass ich erst später bemerkte, dass das gleiche Problem auch mein Hören befallen hatte. All die Worte, die um mich herum gesprochen wurden waren nur noch wie bedeutungslosen Hintergrundrauschen.
Auch wenn das schwer zu verstehen ist, war das wirklich eher faszinierend als furchterregend. Ich fühlte mich sicher, immerhin sah ich ja noch, und mit ein wenig Konzentration würde ich doch sicher auch wieder einen Sinn in der Ansicht finden, oder?
Also versuchte ich diese neue Wahrnehmung zu erforschen. Ich muss wohl instinktiv geahnt haben: Ein Teil meines Gehirns hatte seinen normalen Job aufgegeben und ich muss nur heraus finden, mit welchem Hobby es sich jetzt beschäftigt. Und nach einer Weile bemerkte ich es tatsächlich: Winzig kleine, unbeschreibliche Details schwebten dort, wo sich wohl noch der Mann befand. Das Gefühl ist unmöglich zu beschreiben: Obwohl sie keinen Ort und keine Zahl hatten - ich konnte weder sagen, wo sie waren noch wie viele - schienen sie doch ganz klar umeinander zu tanzen und bildeten ein einheitliches Gefühl, den Tanz.
Ich versuche es mal so zu erklären: Wenn du deine Augen schließt und deinen rechten Arm entspannst und jemand anderes hebt deine Hand an und legt sie woanders hin, so weißt du doch stets, wo sich die Fingerspitze deines Mittelfingers befindet. Du hast kleine Sensoren in all deinen Muskeln und Gelenken, die deinem Gehirn verraten wie gestreckt jedes deiner Gelenke ist. Weil sich die Länge deiner Knochen eher langsam verändert, ist das genug Info, um die Position deines Mittelfingers zu bestimmen: Der Oberarm zeigt in diese Richtung, der Unterarm dann in diese Richtung ... und so weiter. So denkt aber keiner. Du weißt einfach, wo dein Finger ist, oder? Und tatsächlich ist es einfacher mit geschlossenen Augen auf deinen Finger zu tippen, als zu schätzen, in welchem Winkel dein Arm absteht. So ähnlich ist es mit dem Tanz. Obwohl er aus unzähligen Details besteht, ist er doch nur ein Ding, was ich einfach spüre.
Und was ich damals spürte waren natürlich die Gedanken des Mannes, obwohl ich mir damals keinen Reim daraus machen konnte und nur ein wildes pulsieren spürte. Wie man das deutet, das lernte ich erst später...
An dem Tag hatte ich erst einmal das Problem, dass ich trotz meines Optimismus nicht mehr aus dieser seltsamen Wahrnehmung heraus fand. Obwohl ich es mit ganzer Kraft versuchte, wollte sich die gewohnte Sicht nicht mehr einstellen. Eher noch glitt ich weiter ab, nach einer Weile wusste ich nicht einmal mehr, ob ich überhaupt noch in dem Park saß, oder vielleicht schon ohne es zu merken in einem Krankenhaus lag, nicht in der Lage die Umgebung überhaupt normal wahrzunehmen. Dann spürte ich plötzlich, wie sich eine Hand über meine Augen legte – mein Tastsinn funktionierte noch - es wurde dunkel und ich hörte seine - Wolf's Stimme.
„Seht gut gemacht. Ich bin stolz auf dich. Und jetzt schließe die Augen!“
Das war eine unendliche Erleichterung. Ich hörte ja sonst gar nichts aus der Umgebung. Wie verlangt schloss ich meine Augen und er nahm die Hand weg.
„Und jetzt erinnere dich an die Szene, die du dir gemerkt hast. Jedes Detail hast du dir eingeprägt... Jetzt... Ö;ffne die Augen!“
Und als ich sie öffnete, war die normale Ansicht wieder da. Sonnenschein, Dönerstand, nur das Erdbeereis war inzwischen aufgegessen und das Pärchen stand auf, um zu gehen.
„Na, das war doch mal ein ausgezeichneter erster Versuch. Das muss gefeiert werden“, mit den Worten drückte er mir ein frisches Erdbeereis in die Hand.
Wenn ich heute daran zurück denke, ist mir das schon ein wenig peinlich, wie ungeschickt ich mich damals angestellt habe. Im Tanz habe ich mich schon seit Ewigkeiten nicht mehr verloren! Damals aber war ich überglücklich und nicht nur über das Eis!
